Festveranstaltung zum
190. Geburtstag von Karl Marx

RotFuchs-Redaktion

Botschaft von Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Heinz Holz

Ich hatte mich sehr darauf gefreut, mit Euch zusammen des 190. Geburtstags und 125. Todestags von Karl Marx zu gedenken; hier in dieser Stadt, die seinen Namen als Ehrennamen trug. Für mich wird sie auch in Zukunft immer Karl-Marx-Stadt bleiben, wie Leningrad Leningrad und Stalingrad Stalingrad. Ein widriger Umstand, die kurz aufeinander folgenden zwei Operationen zweier gebrochener Wirbel, macht mich reiseunfähig und zwingt mich, nur vermittels der Medienfunktion moderner Technik bei Euch zu sein. Mit Bewunderung habe ich wahrgenommen, wie die Karl-Marx-Städter ihr monumentales Karl-Marx-Denkmal gegen den zerstörungswütigen Haß der Eroberer verteidigt haben.

Protrait Hans Heinz Holz
Hans Heinz Holz

Denkmäler zu schleifen – das ist ein frühgeschichtliches Verhalten eines von Magie beherrschten Geschichtsbewußtseins. Wir kennen die Beispiele aus der altägyptischen Pharaonenzeit, als Könige, die durch einen Umsturz zur Macht kamen, die Namenskartuschen ihrer Vorgänger aus Pyramiden und Obelisken meißeln ließen, um die Erinnerung an sie auszulöschen. Nach altägyptischer Religionsvorstellung war der Name die Lebenskraft und das Weiterleben einer Person; wes Name getilgt war, den gab es auch im Totenreich nicht mehr, und er konnte auch vor dem Totengericht nicht mehr Klage über das Unrecht führen, das geschehen war.

So dachten wohl ähnlich die Eroberer – und auch jener christdemokratische Politiker, der mit der gleichen Namensmagie Geschichte beschwören wollte: Marx ist tot, aber Christus lebt.

Nein, und abermals nein: Marx lebt, weil seine Erkenntnisse gelten und leben und weil der Impuls nicht zum Erliegen kommt, der von seinen Gedanken ausgegangen ist. Darum sind wir heute hier; nicht weil wir das Grab des Großvaters besuchen, an dem wir ein paar Blumen niederlegen und den wir sonst zur Vergangenheit rechnen, wie es die Sozialdemokraten in Trier – seiner Geburtstadt tun –, sondern weil er einer der unseren ist, die Gegenwart erhellend und den Weg in die Zukunft weisend.

Von Geschichtsverständnis sprach ich – jenem der immer noch ewig Gestrigen, die meinen, Geschichte sei eine Abfolge von Zufällen und persönlichen Willensentscheidungen, von Macht und Glück und all dem zusammen. Dabei ist das Gesetz der Geschichte, daß der Untergang einer Gesellschaftsordnung besiegelt ist, die ihre inneren Widersprüche nicht mehr unter Kontrolle zu halten und zu bewältigen vermag. Seit der Oktoberrevolution ist der Lauf der Geschichte nach diesem Gesetz längst über sie hinweggegangen. Und wenn auch der Fortschritt selbst nicht widerspruchsfrei ist und Siege und Niederlagen einschließt, so widerlegt doch auch die vorläufige Niederlage des Sozialismus in Europa nicht den welthistorischen Fortschritt, dessen Verlaufsformen Marx im Grundriß gezeichnet und Lenin in der Oktoberrevolution und Maozedong in der Gründung der Volkrepublik China zur politischen Wirklichkeit werden ließen. Heute nehmen die revolutionären Bewegungen in der sogenannten Dritten Welt diesen Anstoß auf und tragen ihn weiter – in Lateinamerika, Asien und Afrika. Das Beispiel des Cuba von Fidel Castro zeigt uns, daß es nicht Größe und Macht, sondern in erster Linie die Klarheit und Allgemeingültigkeit der Ziele, die Unerschütterlichkeit der Gesinnung und die Opferbereitschaft in Kampf- und Notzeiten sind, die darauf einwirken, was in der Geschichte sich durchsetzt.

Das sei auch der DDR ins Geschichtsbuch geschrieben: Nach dem Erstarken des Revisionismus in der Sowjetunion und dem Verrat Gorbatschows war natürlich die DDR als sozialistischer Staat nicht zu halten. Aber etwas weniger kapitulantenhaft, etwas weniger würdelos hätte sie untergehen können. Der sogenannte Einigungsvertrag, dessen wenige Schutzbestimmungen die Sieger – wie zu erwarten war – ohnehin nicht eingehalten haben, war eine Unterwerfung. Den hätte man nicht unterschreiben dürfen.

Natürlich sind diese „subjektiven Faktoren“ nur dann wirkungskräftig, ja sie bilden sich überhaupt erst dann heraus, wenn die objektiven Bedingungen, d. h. die ökonomischen und sozialen gesellschaftlichen Verhältnisse dafür die Voraussetzungen abgeben. Das hat Marx uns gelehrt: In der Kritik und Systematik der politischen Ökonomie, in den historischen und ideologiekritischen Analysen. Objektive und subjektive Faktoren greifen ineinander und bilden sich wechselseitig in analogen Gestaltungsformen ab. Wer nur die ökonomische Basis und technische Entwicklung im Blick hat, wird ein ökonomistischer Mechanizist und endet in einem revisionistischen Reformismus. Der Weg der Sozialdemokratie von Bernstein bis zu Schröder und Müntefering liefert uns die Beispiele. Wer andererseits meint, mit richtigen Zielen und guter Gesinnung und Reinheit der Theorie allein sei die Welt zu verändern, bleibt ein utopistischer Ideologe. Gewiß sind diese Bewußtseinseigenschaften unerläßlich, aber sie müssen sich mit der widerspruchsvollen Wirklichkeit so vereinigen, daß sie den Opportunismus verhindern und sturen Doktrinarismus vermeiden. Die Analysen von Marx, Engels und Lenin, die politische Praxis von Lenin und Stalin haben gezeigt, wie man sich dieser schwierigen und widerspruchsreichen Aufgabe stellt, auch wenn man dabei Fehler macht und sie selbstkritisch erkennt und überwindet.

Denn auch wer die Gesetze kennt, nach denen Prozesse in der Natur wie in der Geschichte verlaufen, ist nicht gefeit dagegen, Fehler zu machen. Denn jedes Ereignis und alles Geschehen, hat zwei Komponenten: die durch Gesetzlichkeiten – Ursache und Wirkung, Bedingung und Folge, Abhängigkeiten im Nacheinander in der Zeit und in den gleichzeitigen Zusammenhängen und Verknüpfungen – geregelten Bestimmungsmomente und die durch Zufall und Spontaneität bewirkten und darum im Vornhinein unbestimmbaren Vorkommnisse und Handlungen. Wäre dem nicht so, dann gäbe es keine Willensentscheidung, keine Alternative zwischen Gelingen und Scheitern, keine revolutionären Veränderungen. Diese Dialektik von Zufall und Notwendigkeit, ihren Ursprung in der Unendlichkeit der materiellen Welt und der darin liegenden unaufhebbaren und sich im Weltprozeß immer erneuernden Widersprüchlichkeit, ihre kategoriale Form der Möglichkeit als die Wirklichkeit übergreifend systematisch erkannt zu haben, war die Leistung von Marx und Engels im Anschluß an den Vorlauf in der Philosophie Hegels. Was Marx und Engels als dialektischen Materialismus (und nicht nur in idealistischer Begriffsform) skizziert haben, was Lenin dann als Verhältnis von materieller Wirklichkeit und ideeller Repräsentation im Denken zum Programm des Widerspiegelungskonzepts gemacht hat – das auszuarbeiten ist die nächste Zukunftsperspektive marxistisch-leninistischer, historisch- materialistischer Dialektik.

Denn auch das hat uns der große Praktiker der Politik Lenin gelehrt: Ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Praxis. Und revolutionäre Theorie ist nicht einfach Sozial- und Ideologiekritik und Entlarvung des Gegners, sondern ein tief greifendes Verständnis der geschichtlich wirkenden Kräfte und die Fundierung dieses Verständnisses in einer allgemeinen Ontologie der Materialität, deren Grundriß Engels unter dem Beifall von Marx in der Dialektik der Natur entworfen hat. Daraus gewinnt der Klassenkampf die sichere Orientierung durch ein theoretisch gefestigtes Klassenbewußtsein.

Das ist es, was wir Marx zu verdanken haben. Darum sage ich, daß mit ihm ein neuer Abschnitt der Menschheitsgeschichte begonnen hat.

Über dererlei Probleme wollte ich zu Euch sprechen und mit Euch diskutieren. Der Anlaß ist Marx, mit dem die neue Epoche der Geschichte begonnen hat. Nach der Ablösung der Mythologie durch die Wissenschaft von den natürlichen Ursachen des Geschehens, für die man den griechischen Philosophen Thales als Symbolfigur nennen kann; und deren zweite Phase mit der Mathematisierung und damit technischen Nutzung der Kenntnisse von der Natur beginnt und wofür wir wieder als Symbolfigur Galilei nennen (was der große italienische Philosoph und Wissenschaftshistoriker Ludovico Geymonat untersucht hat, der bis zu seinem Lebensende ein kämpferischer Kommunist war). Nach diesem ersten Stadium der Wissenschaftlichkeit des Weltbildes hat Marx das zweite Stadium eingeleitet, das wissenschaftliche Erklären der geschichtlichen Prozesse und er hat damit die logisch-methodologische Einheit von Natur- und Geschichtserkenntnis hergestellt. Jetzt erst und durch ihn sind wir aus dem Nebel eines magisch-mythischen Denkens der Geschichte aufgetaucht und können vernünftig handelnde Subjekte sein, die ihre Geschichte selbst machen, wenn auch unter gegebenen Voraussetzungen. Diese Dialektik zu erforschen ist der Auftrag, der heute der Philosophie gestellt ist. Das wäre mein Thema gewesen, nun muß es mit diesen Andeutungen genügen. Ich wünsche Euch und uns Kraft, Ausdauer und Erfolg im Klassenkampf.

Ich möchte dieses Grußwort mit einem kleinen Stück Poesie beschließen. Maozedong schrieb ein Gedicht: „Ode an die Winterkirsche“. Den im dichten Schneetreiben blühenden Baum nimmt er als Symbol für den noch fernen Frühling, der kommen wird: „Längst sind Abhänge, Abgründe tausend Fuß unter Eis. Doch es gibt sie: erblühte Zweige, Schönheit … Warte ab die Berge in blütenprächtiger Zeit.“

Die Bilderrolle neben mir hier (im Video zeigt Hans Heinz Holz auf diese) hat mir eine chinesische Genossin zu meinem 80. Geburtstag malen lassen. Sie nimmt das Motiv Maos und einen Vers seines Gedichts auf. Sie sagt, worum es uns geht und wohin wir gehen: Schönheit in der neuen Gesellschaft, im Sozialismus, im Kommunismus.

Festrede von Prof. Dr. Götz Dieckmann

Karl Marx war ein Genie und er war sich schon in jungen Jahren bewußt, zu Außerordentlichem berufen zu sein. Das entnehmen wir Briefen des Vaters, aber auch Karls bemerkenswerten Gedanken im Aufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes“. „Wenn wir den Stand gewählt, in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können“, brachte der Abiturient zu Papier, „dann können uns Lasten nicht niederbeugen, weil sie nur Opfer für alle sind; dann genießen wir keine arme, eingeschränkte, egoistische Freude, sondern unser Glück gehört Millionen, unsere Taten leben still, aber ewig während fort, und unsere Asche wird benetzt von der glühenden Träne edler Menschen.“ (1)

Götz Dieckmann bei der Festansprache
Götz Dieckmann bei der Festansprache

Wie Nikolaus Kopernikus unser kosmisches Weltbild umwälzte, indem er die Sonne ins Zentrum rückte und die Erde um sie kreisen ließ, wie Charles Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur entschlüsselte, so entdeckte Marx vor allem zweierlei: das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte und – mit der Mehrwerttheorie – das spezielle Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise. Erstere Entdeckung war zunächst eine schlüssige wissenschaftliche Hypothese; als er jedoch die kapitalistischen Mehrwerträuber auf frischer Tat ertappt hatte, wurde daraus eine durch die Praxis tausendfach bestätigte wissenschaftliche Theorie. Doch es gibt einen für die Charakterisierung seiner Persönlichkeit anzumerkenden Unterschied zu Kopernikus und Darwin: Beide zögerten, mit ihren umwälzenden Erkenntnissen in die Öffentlichkeit zu gehen, im Bewußtsein ihres Verstoßes gegen die vorherrschenden religiösen Dogmen und der abzusehenden Konsequenzen solchen Neuerertums. Marx dagegen zögerte keinen Augenblick. Wissenschaftler und Revolutionär zugleich, setzte er alles daran, „mitzuwirken an der Befreiung des modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Bedingungen seiner Emanzipation gegeben“ hat. Sein wirklicher Lebensberuf war, nach dem Zeugnis von Friedrich Engels an Marx’ Grab, der Kampf. (2)

Dem hat er alles untergeordnet. Er setzte nicht allein darauf, künftige Generationen würden schon die richtigen Schlüsse aus seinen einmal in die Welt gesetzten Erkenntnissen ziehen. Er stand stets im Feuer, in vorderster Front. Darum blieb ihm nur das Exil, dafür hat er lange Jahre mit seiner Familie am Rande des Elends leben müssen. Daß fortschrittliche Menschen diese Leistungen hoch würdigen, versteht sich. Gerade deshalb soll einer unserer Zeitgenossen als Zeuge angeführt werden, dessen feindliche Haltung gegenüber den Marx’schen Ideen keinem Zweifel unterliegt. Ich zitiere aus der Enzyklika SPE SALVI des Papstes Benedikt: „Marx hat mit eingehender Genauigkeit, wenn auch parteilich einseitig, die Situation seiner Zeit beschrieben und mit großem analytischem Vermögen die Wege zur Revolution dargestellt – nicht nur theoretisch, sondern mit der kommunistischen Partei, die aus dem kommunistischen Manifest von 1848 hervorging, sie auch auf den Weg gebracht. Seine Verheißung hat mit der Klarheit der Analysen und der eindeutigen Angabe der Instrumente für die radikale Veränderung fasziniert und tut es noch und immer wieder.“ (3)

Diese Aussage ist beachtlich, auch wenn der Papst im weiteren Text – wie nicht anders zu erwarten – Marx mit der Behauptung zu widerlegen sucht, dieser habe zwar „präzise gezeigt, wie der Umsturz zu bewerkstelligen ist“, aber „uns nicht gesagt, wie es dann weitergehen“ solle. Marx’ „eigentlicher Irrtum“ sei „der Materialismus“. Da der Mensch nun einmal zum Guten wie zum Bösen angelegt sei, könnten nur Glaube, Liebe, Hoffnung und das Gebet die Aussicht auf Gerechtigkeit im jenseitigen Leben eröffnen. Dafür kann man einen Papst schwerlich kritisieren, denn das ist ja seines Amtes. Sehen wir es positiv: Ist es nicht bemerkenswert, wenn Benedikt den gläubigen Katholiken nunmehr faktisch die Erlaubnis erteilt hat, bei Marx im Original nachzulesen, worin der weltanschauliche Dissenz wirklich liegt? Die Schriften des Kopernikus standen mehr als dreieinhalb Jahrhunderte, bis 1835 auf dem Index. Für vatikanische Verhältnisse kann man also von „Fortschritt“ sprechen.

Blick in den Saal
Blick in den Saal

Ich begrüße es sehr, daß im „RotFuchs“ eine kameradschaftliche Debatte zwischen Christen und Marxisten in Gang gekommen ist. Denn es ist gut, wenn Christen, wie auch die Angehörigen anderer Weltreligionen, sich sachlich mit Marx auseinandersetzen. Sie werden dann erkennen, daß dieser keineswegs die Religion diskriminiert hat. Im Gegensatz zur scharfen Kirchenkritik vieler Junghegelianer und auch zum Materialismus Ludwig Feuerbachs setzte er nicht darauf, durch entlarvende Schilderungen religiös motivierter Untaten oder der Verkommenheit mancher kirchlicher Würdenträger, die es in allen geschichtlichen Epochen zweifelsohne gegeben hat, im Sinne des Atheismus zu missionieren. Marx erklärte vielmehr, woraus religiöses, aus seiner und unserer Sicht falsches Bewußtsein entspringt. Er hat Ende 1843, selbst sich gerade aus dem Banne der Junghegelianer befreiend und eingenommen von Feuerbachs Kritik, von der Religion als dem „Opium“ geschrieben. Wohlgemerkt: „Opium des Volkes“ und nicht „für das Volk“, wie immer wieder verfälschend behauptet wird, um zu unterstellen, Marx habe kirchliche Amtsträger zu kriminellen Drogendealern herabwürdigen wollen. Opium war damals – neben Alkohol, Schierling und Bilsenkraut – das einzige Mittel, um unerträgliche Schmerzen zu lindern. Erst im Oktober 1846 gelang dem Bostoner Chirurgen Warren die erste Narkose bei einer Operation und niemand wird in Abrede stellen, daß diese Geburt der Anästhesie sich als Segen für die Menschheit erwies. Wir lernen daraus, und das gilt ja nicht nur für diese Textstelle, daß es sowohl logisch als auch historisch heranzugehen heißt, wenn man mit Klassikerzitaten hantiert. Marx hat an gleicher Stelle zweierlei hervorgehoben: Die Religion sei einerseits nichts anderes als eine Spiegelung des wirklichen, also irdischen Elends, und andererseits Protest gegen dieses Elend. (4) Hier muß der Marxist aufhorchen, denn wer angetreten ist, die gesellschaftlichen Ursachen des Elends auf der Welt zu bekämpfen, der muß jeglichen Ausdruck solchen Protests im Hinblick auf mögliches und zwingend notwendiges Zusammengehen ausloten.

In Band I des „Kapitals“ – und nun ist Karl Marx unzweifelhaft „Marxist“ – deckt er auf, warum im Kapitalismus der gesellschaftliche Charakter der Arbeit verfälscht wird, wie die Waren, das Geld den Menschen als unerklärliche Fetische, als fremde, unheimliche Mächte, entgegentreten. Er stellt klar, daß somit in der Realität objektive Wurzeln religiösen Bewußtseins zu finden sind. Das heißt zugleich: Solange die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten mit der überpersönlich erscheinenden Macht des Kapitals und ihrer Voraussetzung, dem durch staatliche Gewalt abgesicherten Privateigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln, nicht aufräumen, tragen auch sie – ob sie wollen oder nicht – durch ihre entfremdete Arbeit zur Reproduktion der Fundamente religiöser Vorstellungen bei. Denn: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, d. h. des materiellen Produktionsprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind.“ (5)

Nach unserer schweren Niederlage wirken rund um den Globus reale Auslöser von Religiosität stärker als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das gilt es sich zu vergegenwärtigen. Religionen werden uns lange begleiten. Sie können nicht durch Verbote beseitigt oder abgeschafft werden. Man kann nur – tolerant und sehr geduldig – „abwarten, bis die Religion … ihres natürlichen Todes verstirbt“. (6) Jegliche Vorstellung, wir könnten ohne Bruder Christ und Bruder Moslem die Menschheit von kapitalistischer Ausbeutung befreien, ist falsch. Das lehren nicht allein praktische Erfahrungen; es ergibt sich unmittelbar aus Grundpositionen des dialektischen und historischen Materialismus. Anfechtbar ist die auch gelegentlich in unseren Kreisen anzutreffende Meinung, Atheismus führe zwangsläufig und geradewegs zu revolutionärem Bewußtsein. Nein, es gibt auch einen anschwellenden, aus Vulgärmaterialismus sprießenden, rein bürgerlichen Atheismus, der schamlos zur Rechtfertigung zügellosesten Egoismus im kapitalistischen „Krieg aller gegen alle“ benutzt wird.

Natürlich darf nicht verdrängt werden: Wer sich aus falsch verstandener Religiosität zu dem Trugschluß verführen läßt, der Kapitalismus müsse mit Feuer und Schwert gegen Sozialisten und Kommunisten verteidigt werden, stellt sich ins gegnerische Lager. Ihm muß politisch Paroli geboten werden. Diesen Kampf gewinnt man aber nicht, indem man gläubige Menschen damit traktiert, sie sollten vor dem Richterstuhl der biologischen Wissenschaft die Möglichkeit unbefleckter Empfängnis Mariä nachweisen oder vor ähnlichen Richterstühlen die Heilige Dreifaltigkeit rechtfertigen. Das können sie nicht und es ist unmöglich, mit Karl Marx solches Ansinnen zu begründen. Glaube ist nicht Wissen. Dieser Satz blieb durch Jahrhunderte unbestritten, gerade auch bei Theologen. Denn wie heißt es in der Bibel im Brief an die Hebräer: „Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht deß, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet.“ (7) Erst in jüngerer Zeit, angesichts der kolossalen Fortschritte der Wissenschaften, wird vermittels semantischer Winkelzüge versucht, Glaube in Wissen umzudeuten. Und da Gott offenbar nicht, wie früher vermutet, gleich über den Wolken thront, wird er in noch nicht erreichbare Sphären verortet. Alle Gesetze der Natur, so hören wir, z. B. das Faktum 2 x 2 ist gleich 4, seien eben vom Schöpfer in seinem unergründlichen Ratschluß so geschaffen und gewollt; Gott hätte es aber auch durchaus anders bestimmen können, so daß beispielsweise 2 x 2 gleich 7 sei, woraus dann folgte, die Welt der exakten Naturwissenschaften einem völlig anderen Regelwerk zu unterwerfen. Macht es etwa Sinn, gegen eine solche Form der Glaubensgewißheit pausenlos mit eingelegter Lanze anzurennen?

Höhlt ein Marxist die dialektisch-materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie nach dem Verhältnis von Sein und Bewußtsein dadurch aus, daß er einen heidnischen Artemis-Tempel oder christliche Kathedralen schön findet? Dürfte er das vielleicht nicht, weil diese überwältigenden Bauten doch zweifelsohne aus religiösen Gründen geschaffen wurden? Das wäre doch ausgemachter Schwachsinn!

Dietrich Bonhoeffer hat in Gestapohaft am Jahreswechsel 1944/45 tief berührende Verse geschrieben. Sie sprechen zu uns – um Worte Friedrich Schillers zu benutzen – in der Weise, daß keiner, „bey dem sich ein heller Geist mit einem empfindenden Herzen gattet“, nicht in dem Wunsch bestärkt würde, „an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann“. (8)

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

In dieser Glaubensgewißheit ist Bonhoeffer den Golgathaweg bis zu Ende gegangen. Hätte damals nicht nur eine Minderheit seiner Glaubensgenossen aus gleicher Wurzel gehandelt, dann wären vielleicht nicht der Machtantritt der Faschisten, wohl aber deren beispiellose Massenmorde verhindert worden. Das sind Fragen, die durchaus auch an uns Marxisten gerichtet sind. An Bruder Christ gerichtet ist dagegen die nachdrückliche Bitte, Kommunisten und Sozialisten nicht der Amoralität und des Verzichts auf ethische Werte zu bezichtigen. Es sind mehr von den Unseren im zwanzigsten Jahrhundert als Märtyrer in den Tod gegangen. Und es heißt doch auf den Schrifttafeln, die Moses aus Gottes Hand empfing: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten!“

Laßt uns also in Glaubens- und Wissensfragen ganz biblisch „Ja, Ja, Nein, Nein!“ reden, aber mit unseren differierenden Gewißheiten behutsam umgehen, damit an Unsittlichkeit grenzende Taktlosigkeit uns nicht hindert, gemeinsam die brennenden Fragen im irdischen Jammertal anzupacken. Allerdings ist es keineswegs unsittlich, wenn wir beharrlich hinterfragen: Soll es nicht mehr gelten, daß man nicht gleichzeitig Gott dienen kann und dem Mammon? War Jesus Christus etwa auf dem Irrweg, als er sprach, eher gehe ein Kamel durch das Nadelöhr, als daß ein Reicher in den Himmel komme?

Die Dinge werden eben komplizierter, wenn wir von der letztlich entscheidenden ökonomischen Basis in die Sphären des Staates, des Rechts, der Moral, der Ästhetik und der Psychologie aufsteigen. Hier haben wir es nicht nur mit bloßen Ableitungen aus ökonomischen Prozessen, sondern auch mit verzwickten Rückwirkungen zu tun. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis. Marx hat betont: „Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ Aber er fügte nachdrücklich hinzu: „In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ (9)

Marx-Verfälschung und Opportunismus hatten – und haben auch heute – stets mit Verzerrungen dieser komplizierten Wechselwirkungen zu tun. Wir sind also gehalten, bei der Würdigung der gewaltigen Lebensleistung von Karl Marx vor allem diesbezüglich seiner Spur zu folgen. An zwei dramatischen, für die Herausbildung und Ausformung des Marxismus entscheidenden Phasen seines Schaffens will ich versuchen, das zu verdeutlichen. Es handelt sich jeweils um wenige Wochen und am Anfang stehen in beiden Fällen Treffen mit Friedrich Engels. Die erste Begegnung fand Mitte der vierziger Jahre statt, also im Vormärz, als alle Welt bereits ahnte, eine gesellschaftliche Umwälzung stehe bevor. Die zweite hier zu besprechende fiel in das letzte Drittel der fünfziger Jahre, eine Zeit finsterer Reaktion auf dem ganzen europäischen Festland, deren Protagonisten meinten, sich nun auf ewige Zeiten einrichten zu können, so wie es die Reaktion auch heute zu glauben scheint.

Ende August, Anfang September 1844 besucht Friedrich Engels Karl Marx in Paris für zehn Tage. Diese Tage sollten in ihrer Langzeitwirkung die Welt ebenso erschüttern, wie jene zehn Tage im Oktober 1917, die uns aus John Reeds Buch vertraut sind. Schon 1843 hatte Engels die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ besucht und Marx gesehen; auch hatte er als Autor der „Deutsch-französischen Jahrbücher“ einige Briefe mit ihm gewechselt, die nicht erhalten geblieben sind. Doch nun, in diesen gemeinsamen Tagen in Paris, schlägt die Sternstunde: Beide stellen die volle Übereinstimmung ihrer Auffassungen angesichts ihres Übergangs von der revolutionären Demokratie zum Kommunismus fest. Eine Freundschaft und Kampfgemeinschaft ohnegleichen wird begründet. Marx macht Engels mit den in Paris ansässigen Führern der sozialistischen und kommunistischen Vereinigungen und mit exilierten ausländischen Revolutionären bekannt. Sie besuchen mehrere Versammlungen. Das allein hätte zehn Tage prall ausfüllen können. Aber weit gefehlt: Sie schmieden einen großen Plan, der auf nichts Geringeres zielt, als auf eine Umwälzung aller bisherigen Erkenntnisse über die menschliche Gesellschaft. Sie verabreden, aufsteigend von der Analyse der ökonomischen Verhältnisse, der Basis, alle entscheidenden Sphären des gesellschaftlichen Lebens, Ökonomie, Staat, Recht, Ideologie, kritisch zu durchleuchten und diese auf der Grundlage eines völlig erneuerten dialektischen Materialismus in ihrer wechselseitigen Bedingtheit darzustellen. Beginnen werden sie mit der Widerlegung der „Kritischen Kritik“ der Junghegelianer um Bruno Bauer. Das Buch, das Marx in ungeheurem Schaffensdrang in etwa sieben Wochen vollendet und dem er schließlich den ironischen Titel „Die heilige Familie“ hinzufügt, enthält sieben Kapitel und Abschnitte aus Friedrich Engels’ Feder, die dieser in der kurzen Zeitspanne des Pariser Aufenthalts voller Begeisterung, sicher meist des Nachts, zu Papier brachte. Rückschlüsse auf das, was ich hier „den großen Plan“ nenne, sind aus dem Vorwort zu ziehen, das beide gemeinsam, wohl am letzten Tag ihres denkwürdigen Treffens in Paris, formuliert haben. Dort heißt es: „Wir schicken … diese Polemik den selbständigen Schriften voraus, worin wir – versteht sich, jeder von uns für sich – unsere positive Ansicht und somit unser positives Verhältnis zu den neueren philosophischen und sozialen Doktrinen darstellen werden.“ (10)

Vor dem früheren Haus der Jungen Pioniere
Vor dem früheren
Haus der Jungen Pioniere

Warum spreche ich überhaupt darüber? Sind das nicht Feinheiten, die allenfalls das Interesse von Historikern herausfordern sollten? Dem ist nicht so. Wer aufmerksam gängige Marx-Biographien, aber auch Einführungen in die Bände der blauen Marx-Engels- Ausgabe wie auch der MEGA, liest, wird feststellen, daß dort wiederholt von einem damals geplanten „ökonomischen“ Werk die Rede ist, so als habe es sich allein um Schritte zu Marx’ späterem Hauptwerk, dem „Kapital“, gehandelt, das ja den Untertitel „Kritik der politischen Ökonomie“ trägt.

Ich will gerade hierbei nicht falsch verstanden werden: Es ist natürlich vollauf gerechtfertigt, mit größter Aufmerksamkeit zu verfolgen, in welchen komplizierten Stufen die entscheidenden Erkenntnisse des „Kapitals“ sich herausschälten. Aber es ist wie mit den meisten, gesellschaftliche Fragen betreffenden Wahrheiten: Werden sie verabsolutiert und isoliert betrachtet, dann kann das zu anfechtbaren Schlüssen führen. Die gewaltigen Entwürfe von Marx, mindestens bis Mitte der fünfziger Jahre, sind nicht allein als Vorarbeiten zur „Kritik der politischen Ökonomie“ anzusehen. Denn dann könnten alle in ihnen enthaltenen Ausführungen zu anderen Sphären gesellschaftlicher Existenz als „Abschweifungen“ verstanden werden, also gewissermaßen als „Erkenntnisse zweiter Ordnung“. Diese Gefahr ist ernst zu nehmen, weil derartige Trugschlüsse Einfallstore für rechten und „linken“ Opportunismus auf dem Felde der Theorie sind. Das war vor anderthalb Jahrhunderten so und das ist heute nicht anders. Deshalb – und nur deshalb – spreche ich davon.

In der „Heiligen Familie“ finden wir eine glanzvolle Würdigung der Leistung Francis Bacons, den Marx den wahren „Stammvater des englischen Materialismus und aller modernen experimentierenden Wissenschaft“ nennt. Er betont: „In Baco, als seinem ersten Schöpfer, birgt der Materialismus noch auf eine naive Weise die Keime einer allseitigen Entwicklung in sich. Die Materie lacht in poetisch-sinnlichem Glanze den ganzen Menschen an.“ (11) Man sollte aber auch wissen, daß dieser Baco von Verulam an der Schwelle von der Renaissance zur jüngeren Neuzeit ebenfalls einen gigantischen Plan der Umwälzung aller überkommenen Ideen entwarf, den er freilich nicht vollständig zu realisieren vermochte. Marx sah darin ein Vorbild für das gewaltige Werk, das er – gemeinsam mit Engels – in Angriff nahm. Aufschlußreich ist diesbezüglich das spätere Zeugnis eines amerikanischen Journalisten, dem Karl Marx im Dezember 1878 ein Interview gewährte. Sich zunächst im Arbeitszimmer umsehend, fiel diesem in den Bücherschränken neben Shakespeare und anderen Großen der Literatur eine offenbar ständig benutzte vollständige Ausgabe der Werke Francis Bacons ins Auge. Zu Recht, wie ich meine, hielt er fest: „Man kann jemanden meistens nach den Büchern beurteilen, die er liest.“ (12) Hinzufügen möchte ich, daß damals in England eine lebhafte Debatte darüber geführt wurde, ob nicht in Wahrheit Bacon der Autor aller oder der meisten Dramen Shakespeares sei.

Einen höchst aktuellen Gesichtspunkt aus der „Heiligen Familie“, die historische Mission der Arbeiterklasse betreffend, will ich hervorheben: Proletarier dürfen nicht für Götter gehalten werden. Es handele sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstelle. Es handelt sich vielmehr darum, was das Proletariat tatsächlich ist „und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet.“ (13)

Am Chemnitzer Karl-Marx-Denkmal
Am Chemnitzer
Karl-Marx-Denkmal

Von hier aus führte der Weg zu den berühmten „Thesen über Feuerbach“. Jedem Marxisten ist geläufig, daß die Philosophen die Welt nur verschieden interpretierten, es aber darauf ankommt, sie zu verändern. Doch mindestens auch Folgendes müssen Marxisten stets parat haben. Das „menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. (14) Der Mensch ist ein Zoon Politikon, wie schon Aristoteles wußte. Als geselliges Wesen kann er sich nur in der Gemeinschaft vereinzeln und seine Individualität entfalten. Alle, Vorkämpfer wie Nachzügler, bedürfen der Veränderung und Erziehung. Sie verändern sich aber nur durch Teilnahme am revolutionären Prozeß. „Das Zusammenfallen des Ändern(s) der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung“ betont Marx, „kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ (15) Wenige Monate später, in der „Deutschen Ideologie“ wird noch eindringlicher betont, „daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden“. (16) Und damit komme ich direkt zum Vollzug des großen Plans. Marx hat am 1. Februar 1845 mit dem Darmstädter Verleger Leske einen Vertrag über die Herausgabe eines Werkes unter dem Titel „Kritik der Politik und Nationalökonomie“ abgeschlossen. Von der französischen Regierung auf preußischen Druck hin ausgewiesen, muß er zwei Tage später Paris in Richtung Brüssel verlassen. Aber er ist optimistisch und glaubt, in zwei starken Bänden nunmehr ausführen zu können, was er mit Engels im September abgesprochen hat. Die engeren Kampfgefährten sind informiert und drängen ihn. (17) In den folgenden Jahren erkennen wir eine schrittweise Verlagerung der Schwerpunkte in der Konzeption, die ich im Einzelnen aus Zeitgründen nicht darstelle. Wer dem nachspüren will, kann das anhand der Werke von Marx und Engels und der Briefe. Wichtig ist aber, daß es unverändert darum geht, die ökonomische Analyse direkt zu den politischen Folgerungen zu führen, es also in der Quintessenz ein revolutionstheoretisches Werk werden soll. 1851 – der Umfang ist nun schon auf vier Bände erhöht – soll Band III „die Sozialisten“ und der vierte das „vielberühmte ‚Positive‘„ umfassen, das, „was Du ‚eigentlich‘ willst“, wie Engels an Marx schreibt. (18) 1858 wird sich Marx dann klar, daß er das Gesamtwerk auf mindestens sechs Bücher erweitern muß, will er alles bewältigen.

Für die hier von uns zu verfolgende Spur ist die Gliederung des geplanten Buches über den Staat von besonderem Interesse: „Zusammenfassung der bürgerlichen Gesellschaft in der Form des Staats. In Beziehung zu sich selbst betrachtet. Die ‚unproduktiven‘ Klassen. Steuern. Staatsschuld. Öffentlicher Kredit. Die Bevölkerung. Die Kolonien. Auswanderung. Internationale Teilung der Arbeit.“ Vom Staat führt der Weg zum internationalen Verhältnis der Produktion, zur internationalen Teilung der Arbeit und zum internationalen Austausch, der Ein- und Ausfuhr. Dann folgt der Wechselkurs und schließlich der Weltmarkt und die Krisen. (19) Das aber sind ohne jeden Zweifel die gleichen Problemfelder, die auch heute zu beackern sind.

Doch ich bin zeitlich vorausgeeilt und muß zurückkommen zum Vertrag, der 1845 mit dem Verleger Leske zustande gekommen war. Was nun geschieht, ist aufschlußreich: Leske wird unter Druck gesetzt. Er ist gezwungen, Marx mitzuteilen: „Eine mir vor wenigen Wochen zugekommene Verwarnung des hohen hochpreislichen Königl. Preuß. Ober-Censur-Gerichts zu Berlin, des Inhalts, daß, wenn ich fortführe ‚verwerfliche’, insbesondere aber sozialistische und kommunistische Schriften zu verlegen, das Verbot meines sämtlichen Verlags in den preußischen Landen ausgesprochen würde, macht es mir leider nur unter der Bedingung möglich Ihr Verleger für die ‚Kritik der Nationalökonomie p. p.’ zu werden, daß Sie die Schrift rein wissenschaftlich halten.“ (20)

Marx stellt klar: Das Buch sei „wissenschaftlich, aber nicht wissenschaftlich im Sinne der preußischen Regierung“. (21) Leske kündigt den Vertrag. Marx, obwohl natürlich auf Honorare dringend angewiesen, stellt unbeirrt das Prinzip über die Anpassung. Schon einmal, nach dem Verbot der „Rheinischen Zeitung“ im Jahre 1843 hatte die preußische Regierung über einen Mittelsmann Marx ein warmes Plätzchen offeriert, falls er seinen revolutionären Enthusiasmus zügele. „Nach dieser Mitteilung“, schrieb er später, „verließ ich Preußen und ging nach Paris.“ (22) Und es war nicht das letzte Mal, daß eine solche Taktik befolgt wurde. Wie wir wissen, ließ es sich auch Bismarck später angelegen sein, auf ähnliche Weise zu locken. Erfolglos! Daran sollten wir auch heute Verhaltensweisen messen, wenn wir erleben, wie lukrative Parlamentsmandate oder die Nähe zu den Brüsseler Fleischtöpfen der Europäischen Union mancherlei Schleifspuren hinterlassen.

Der Plan von 1844 schlug sich dann vor allem im „Manifest der Kommunistischen Partei“ nieder, dessen Erscheinen sich vor wenigen Wochen zum hundertsechzigsten Male jährte. Wer die logische Gesamtstruktur des Marxismus erfassen will, dem muß das Manifest ans Herz gelegt werden, einschließlich der Vorworte und sämtlicher Fußnoten, die erläutern, was die Autoren 1848 noch nicht bis zu Ende entschlüsselt hatten. Das „Geheimnis“ seiner unvergleichlichen Wirkung liegt gerade darin, daß es der Totalität unserer noch keineswegs – aus didaktischen Gründen – in „Bestandteile“ gegliederten Theorie entsprang. Natürlich trägt auch seine wunderbare Sprache zu dieser Wirkung bei. Wenn wir es heute mit geschärften Sinnen in die Hand nehmen, liest sich einiges anders als früher, als wir meinten, unser Teil der Welt sei bereits in mustergültiger Ordnung. Gleich eingangs, bei der Darlegung der Lehre von den Klassen und vom Klassenkampf, stellen Marx und Engels klar, daß gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten anders als Naturgesetze Varianten im Verhältnis von Ursache und scheinbar zwangsläufiger Folge kennen. Denn es heißt dort, der Kampf der Klassen endete jedes Mal entweder „mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft …oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“. (23) Und auf gleicher Linie liegen die Ausführungen über die Entwicklung der Arbeiter zur Klasse sowie aus einer Klasse an sich zur Klasse für sich. Wie liest es sich heute, wenn da steht, anfangs siegten die Arbeiter nur „von Zeit zu Zeit“ und „vorübergehend“, wie, wenn es heißt, ihr Zusammenschluß könne „jeden Augenblick wieder gesprengt (werden) durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst“. (24)

Egon Krenz im Gespräch mit Rolf Berthold
Egon Krenz im Gespräch
mit Rolf Berthold

Und noch etwas aus dem „Manifest“ möchte ich aus aktueller Sicht hervorheben: Die Stunde der Kapitalistenklasse schlägt, sie wird unfähig weiter zu herrschen, wenn sie unfähig wird, „ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d. h., ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.“ (25)

Wenn wir bedenken, daß damals, in der achtundvierziger Revolution, diverse programmatische Schriften entstanden, nach denen heute kein Hahn mehr kräht, dann darf uns die ungebrochene Macht des Manifestes mit Stolz erfüllen.

Und damit komme ich zur anderen Sternstunde. Auch sie läßt sich terminlich exakt bestimmen. Am 8. Dezember 1857 schreibt Marx an Engels: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im klaren habe bevor dem déluge“ (vor der Sintflut).(26) Am gleichen Tag teilt Jenny Marx in einem Brief an Conrad Schramm sehr erleichtert mit, ihr Gatte sei endlich wieder gutgelaunt: „Seine ganze frühere Arbeitsfähigkeit und Leichtigkeit ist wiedergekehrt sowie auch die Frische und Heiterkeit des Geistes, die seit Jahren gebrochen war, seit dem großen Leiden, dem Verlust unseres lieben Herzenskindes, um das mein Herz ewig trauern wird.“ (27) Das bezieht sich auf den zwei Jahre zuvor verstorbenen Sohn Edgar. Man muß aber wissen, daß Karl und Jenny von sieben Kindern nur drei blieben. Vier verstarben zwischen 1850 und 1857, das letzte von ihnen Anfang Juli 1857, kurz nach der Geburt. Sie starben nicht allein an Krankheiten, nein, auch an dem Mangel, der damals im Hause Marx herrschte. Es war die Zeit, als Möbel und selbst Kleidung ins Pfandhaus wanderten und Marx wiederholt nicht auf die Straße konnte, weil er keinen dafür damals unumgänglichen „anständigen“ Anzug hatte. Dazu kommt, daß sich von März bis Juli der Gesundheitszustand Jennys stark verschlechtert und Marx selbst im April erkrankt, so daß er nicht arbeiten kann. Die Miete für die Wohnung ist nicht mehr aufzubringen. Es gab also übergenug Gründe zu verzweifeln – nicht nur wegen der Triumphe der Reaktion in Europa und des Niedergangs der Arbeiterbewegung in jener Zeit. Kraftspender ist allein die Liebe und die unbeirrbare und opferbereite Freundschaft Friedrich Engels’. „Aber die Liebe“, hat Karl an Jenny geschrieben, „nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschottschen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zum Liebchen und namentlich zu Dir, macht den Mann wieder zum Mann.“ (28).

Von Ende April bis Oktober 1857 ist auch Friedrich Engels so schwer krank, daß alle um sein Leben fürchten. Die Katastrophe steht ins Haus. Woher rührt nun Marx’ plötzlicher Stimmungsumschwung?

Erstens hat er Anfang Oktober auf der Insel Jersey Engels besucht und ihn glücklicherweise auf dem Wege der Besserung gefunden. Wieder reden sie natürlich über die Arbeit. Marx berichtet, wie er sich in dem umfangreichen Manuskript, an dem er jetzt sitzt, gewissermaßen in konzentrischen Kreisen auf den entscheidenden Punkt zubewegt. Sie tauschen sich aus über „die Methode der politischen Ökonomie“, jenen theoretisch hochbedeutsamen Abschnitt der „Einleitung“, die Marx Ende August zu Papier gebracht hat und wo er aufzeigt, daß der dialektische Weg der Erkenntnis von der lebendigen Anschauung zum abstrakten Denken und von diesem wiederum zur Praxis führen muß.

Dieses Manuskript sollte erst ein knappes Jahrhundert später, von 1939 bis 1941, vom Institut für Marxismus- Leninismus in Moskau unter dem von dieser Forschungseinrichtung gewählten Titel „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. (Rohentwurf)“ veröffentlicht werden. Lenin, das sei hier vermerkt, konnte dieses Werk also ebenso wenig kennen wie die „Deutsche Ideologie“. Es ist eine äußerst spannende Lektüre. Wie im Kriminalroman können wir verfolgen, daß Marx den Räubern beharrlich in wiederholten Anläufen auflauert und wie er sie schließlich stellt. Auch der Apparat zu Band II/1.1 der MEGA gibt uns Aufschluß. Das Heft III des Manuskripts ist vom 29. November bis etwa Mitte Dezember 1857 datiert. Und da wir ja schon gehört haben, Marx sei spätestens am 8. Dezember in Hochstimmung, wissen wir nun, wann er den zentralen Punkt der kapitalistischen Produktionsweise traf.

Und so hat er es formuliert: „Wäre ein Arbeitstag nötig, um einen Arbeiter einen Arbeitstag am Leben zu erhalten, so existierte das Kapital nicht, weil der Arbeitstag sich gegen sein eigenes Produkt austauschen würde, also das Kapital als Kapital sich nicht verwerten und daher auch nicht erhalten kann. Die Selbsterhaltung des Kapitals ist seine Selbstverwertung. Müßte das Kapital, um zu leben, auch arbeiten, so erhielte es sich nicht als Kapital, sondern als Arbeit. … Ist dagegen z. B. nur ein halber Arbeitstag nötig, um einen Arbeiter einen ganzen Arbeitstag am Leben zu erhalten, so ergibt sich der Mehrwert des Produkts von selbst, weil der Kapitalist im Preis nur einen halben Arbeitstag bezahlt hat und im Produkt einen ganzen vergegenständlicht erhält; also für die zweite Hälfte des Arbeitstages nichts ausgetauscht hat. Nicht der Austausch, sondern ein Prozeß, worin er ohne Austausch vergegenständlichte Arbeitszeit, d. h. Wert, erhält, kann ihn allein zum Kapitalisten machen. … Mehrwert ist überhaupt Wert über das Äquivalent hinaus.“ (29) Jetzt ist der Marsch zum ersten Band des „Kapitals“ endgültig eingeleitet.

Doch es gibt für die Hochstimmung noch eine weitere sehr gewichtige Ursache. Im Herbst 1857 bricht die erste Weltwirtschaftskrise aus, wie auch heute ausgelöst durch eine Geldkrise. Sie verläuft fast dekkungsgleich so, wie wir es in diesen Monaten der Jahre 2007 und 2008 erleben. Marx und Engels haben die Krise schon 1850 vorhergesagt und sie haben nun allen Grund, ihren Ausbruch als praktischen Beweis der Richtigkeit ihrer theoretischen Erkenntnisse zu werten. Der Bildungsprozeß nationaler revolutionärer Arbeiterparteien wird im Gefolge dieser Krise langsam, aber Zug um Zug in Gang kommen. Da darf man schon optimistisch sein.

Das Kapital ist ein Selbstzerstörer, heißt es in den „Grundrissen“. Das bedeutet jedoch keineswegs, der Kapitalismus werde „automatisch zusammenbrechen“. Ist er reif zum Untergang, muß er revolutionär „zu Fall gebracht“ werden. Folgen wir der Marx’schen Argumentation: Die letzte Knechtsgestalt der menschlichen Tätigkeit und ihre „Abhäutung“ sind Ergebnisse der dem Kapital entsprechenden Produktionsweise; „die materiellen und geistigen Bedingungen der Negation der Lohnarbeit und des Kapitals, die selbst schon die Negation frührer Formen der unfreien gesellschaftlichen Produktion sind, sind selbst Resultate seines Produktionsprozesses“. (30)

In schneidenden Widersprüchen, in Krisen und Krämpfen drücke sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus. Gewaltsame Vernichtung von Kapital, nicht durch äußere Faktoren, sondern als Bedingung der Selbsterhaltung des Kapitals sei die schlagendste Form, wie dem Kapital eingeschärft werde, abzutreten und einem höheren Stadium der gesellschaftlichen Produktion Raum zu geben. Gradmesser dabei sei letztendlich die Profitrate, ihr tendenzielles Fallen; weiterhin „das Verhältnis des Wachstums der Bevölkerung – und namentlich des arbeitenden Teils derselben – zu dem schon vorausgesetzten Kapital“. Berücksichtigen müsse man jedoch, daß dem Fall der Profitrate verschiedene Faktoren entgegenwirken; aber die Richtung sei eindeutig: Die höchste Entwicklung der Produktivkräfte und die stärkste Ausdehnung des vorhandenen Reichtums gingen einher mit Entwertung des Kapitals, Erniedrigung des Arbeiters und einer höchst unmittelbaren Erschöpfung seiner Lebenskraft.

„Diese Widersprüche führen zu Explosionen, Katastrophen, Krisen, in denen durch momentane Einstellung der Arbeit und die Vernichtung eines großen Teils des Kapitals das letztere gewaltig reduziert wird bis zu dem Punkt, von welchem aus es weiter kann, in der Lage ist, seine Produktivkräfte voll anzuwenden, ohne Selbstmord zu verüben. Jedoch diese regelmäßig wiederkehrenden Katastrophen führen zu deren Wiederholung auf höherer Stufe und schließlich zu seinem gewaltsamen Umsturz.“ (31)

Sind diese vor genau anderthalb Jahrhunderten formulierten Schlußfolgerungen gültig oder sind sie veraltet? Sehen wir uns doch um! Wie will man es denn verstehen, was sich heute unter unseren Augen vollzieht, wenn nicht genau so, also marxistisch. Apologeten des Kapitals und opportunistischen Dünnbrettbohrern werden wir immer entgegenhalten: Es ist nicht gestattet, sich aus dem gewaltigen Gedankengebäude des Marxismus wie aus einem Steinbruch zu bedienen, jeweils in den eigenen Kram passende Brocken mit Versatzstücken aus anderen Steinbrüchen zusammenzuwerfen, um daraus Schlüsse über die Ewigkeit des heute Bestehenden, bestenfalls gepaart mit einigen Maßnahmen zu seiner Verschönerung, zu ziehen. Wer vorgibt, Marx durchaus wohlgesonnen zu sein, seine entscheidenden Erkenntnisse in Fragen des Eigentums und der politischen Macht aber verwirft, wer nur zu einem verbesserten, von „Auswüchsen“ gereinigten „rheinischen Kapitalismus“ zurückstrebt, mit dem können wir durchaus Bündnisse eingehen, soweit und solange es um drängende Tagesforderungen, um konkrete Verbesserungen der Lebenslage der Menschen geht. Es ist sogar prinzipiell falsch, das nicht zu tun. Aber in Fragen der Zukunft, wenn es um den Sozialismus geht, stehen wir – und das darf man nicht verschleiern – in verschiedenen Lagern. Lenin war es, der uns wiederholt einschärfte, Kompromisse seien zumeist nicht einfache Willensentscheidungen, sondern von der realen Stellung der Klassen, ihrem Kräfteverhältnis, diktiert: „Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch, soweit sie unvermeidlich sind, zu verstehen, ihren Prinzipien, ihrer Klasse, ihrer revolutionären Aufgabe – Vorbereitung der Revolution, Befähigung der Volksmassen zum Sieg der Revolution – treu zu bleiben.“ (32)

Es ist doch die selbstverständliche Pflicht jedes Marxisten, insbesondere wenn es um Krieg und Frieden, um die Abwendung einer ökologischen Katastrophe, um Gleichberechtigung der Geschlechter, vor allem aber, wenn es gegen die Faschisten geht, mit allen – selbst schwankenden Verbündeten – Seit an Seit zu stehen, auch wenn es sich absehen läßt, daß der Vorrat an Gemeinsamkeit nur für eine bestimmte Wegstrecke ausreichen wird.

Die Ausformung der Mehrwerttheorie als Fundament der Gesamttheorie wurde ab Dezember 1857 für Marx zum Dreh- und Angelpunkt. Das führte einige Jahre später zu gravierenden Konsequenzen hinsichtlich der Umsetzung des Plans von 1844. Die „Grundrisse“ markieren einen Wendepunkt in diesem Prozeß. In der „Einleitung“, obwohl sie unvollendet geblieben ist, wird das ganze Panorama des dialektischen Zusammenhangs zwischen Produktion, Verteilung, Austausch und Konsumtion, von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, und, wiederum weiter aufsteigend, auch den Rechts-, Familien- und anderen Beziehungen, nicht nur des Kapitalismus, entfaltet. Es geht um Moral, Krieg und Frieden, Geschichtsschreibung und insbesondere: „Das unegale Verhältnis der Entwicklung der materiellen Produktion z. B. zur künstlerischen“. (33) Das waren alles keine Abschweifungen. Marx ist noch überzeugt, dies umfassende Programm systematisch bewältigen zu können. Er hat es in dieser gewaltigen Breite nicht geschafft. Ein Leben, auch das eines Genies, hat dazu nicht gereicht.

Klingt hier etwa Kritik an? Keineswegs! Kein denkender Mensch wird die Leistung des Kopernikus in Frage stellen, weil er die Umlaufbahnen der Planeten noch nicht berechnet hat, wie später Kepler es vermochte. Der Marxismus ist weder abgeschlossen noch ein Dogma. Wer das nicht versteht, der kann auch die Leistungen Friedrich Engels’ und Lenins in ihrer Bedeutung nicht erfassen und angemessen würdigen; er wird auch nicht wirklich ermessen, vor welch großen Herausforderungen marxistisch-leninistisches Denken heute steht. Wir müssen schon beachten, daß Marx die Bände II und III seines ökonomischen Hauptwerks nicht mehr zu der makellosen Vollkommenheit des ersten Bandes des Kapitals zu führen vermochte. Der dritte Band endet mit dem unvollendeten Abschnitt über „Die Klassen“. Gemessen am Plan von 1844 und seinen späteren Strukturierungen befinden wir uns jetzt im „Kapital“ erst am Übergang zur Analyse der politischen Verhältnisse und des vorgesehenen Buches über den Staat. Man kann sich zudem diese beiden Bände nicht wirklich erschließen, ohne die Vorworte ihres Herausgebers Friedrich Engels zur Kenntnis zu nehmen.

Vor dem plötzlich eingerüsteten Monument
Vor dem plötzlich eingerüsteten Monument

Auch den von Lenin erbrachten gewaltigen Beitrag zur Realisierung des großen Plans, unter einschneidend veränderten Bedingungen, nach dem Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus, von dem ich hier nur seine Parteitheorie und die Imperialismustheorie nenne, werden wir dann nicht völlig erfassen. Wladimir Iljitsch hat zu Anfang des Revolutionsjahres 1917 geschrieben: „Ich bin noch immer ‚verliebt’ in Marx und Engels und kann keinerlei Schmähungen gegen sie ruhig hinnehmen. Nein, das sind wirkliche Menschen! Von ihnen muß man lernen. Diesen Boden dürfen wir nicht verlassen. Diesen Boden haben sowohl die Sozialchauvinisten als auch die Kautskyaner verlassen.“ (34) Als angesichts der Lage in der Welt, im Sowjetland und in der KPdSU(B) in den Jahren nach Lenins Tod ein Höchstmaß an dialektischem Denken gefordert war, sich jedoch eine Tendenz zur Vereinfachung auf theoretischem Gebiet abzeichnete, hat Nadeshda Krupskaja mit großem Ernst darauf verwiesen: „Man muß an Hand dessen, wie sich Lenin zu den Grundfragen unserer Wirklichkeit verhielt, zeigen, daß er ein konsequenter Marxist war und daß darin seine Stärke lag.“ (35)

Wie verhält es sich also mit Marx? Hat er etwa als streitbarer Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“ falsche Prioritäten gesetzt, weil er sich mit aller Kraft in den Tageskampf der bürgerlichen Revolution von 1848 stürzte? Sind seine klassischen politischen Analysen und prinzipiellen Schlüsse aus dieser Revolution, den folgenden Konterrevolutionen sowie vor allem aus der Kommune von Paris, sind seine Initiative zur Gründung und seine Rolle an der Spitze der Ersten Internationale etwa weniger wichtig und geschichtsbildend gewesen als die Arbeit am „Kapital“? Dummköpfe oder absichtsvoll kalkulierende Fälscher mögen so etwas behaupten. Dummheit kann dabei unter Umständen, soweit es sich um die moralische Beurteilung der entsprechenden Person handelt, noch als mildernder Umstand geltend gemacht werden. Aber wenn es um unsere Theorie und um die Strategie und Taktik des Klassenkampfes geht, dann sind solche Differenzierungen fehl am Platze. Politisch sind sie bedenklich, denn in der Sphäre der Politik steht immer das Schicksal von Millionen auf dem Spiel. Folglich ist es, wenn das Bewußtsein breiter Schichten der Arbeiterklasse und ganzer Völker in Mitleidenschaft gerät, unerheblich, ob weltanschaulicher Unrat aus Schwäche oder aus kalter Berechnung unter die Leute gebracht wurde.

In den schweren Zeiten, die wir heute durchleben, vermissen wir besonders schmerzlich einen solchen Himmelsstürmer wie Karl Marx. Er würde angesichts der Niederlage, des geistigen und moralischen Verfalls, mit Säbel und Florett die kleinwüchsigen „Vordenker“ der Bourgeoisie und des Opportunismus in die Flucht schlagen. Aber die Geschichte ist nicht so gnädig, Genies immer dann bereitzustellen, wenn sie am dringendsten benötigt werden. Die Renaissance hat sie mit Dutzenden beschenkt, uns Heutige leider nicht. Die fatale Folge ist, daß kümmerliche Offenbarungen beschränkter Geister, freilich mit der geballten Macht der Medien in unserem Zeitalter verbreitet, im Massenbewußtsein verheerende Wirkungen zeitigen. Es ist ja bedauerlicherweise so, daß auch Zwerge lange Schatten werfen, wenn die Sonne nur knapp über dem Horizont steht. Denken wir nur an die Fama, der Riß in der Welt verlaufe zwischen „Demokratie“ hier und „Diktatur“ dort, wobei es natürlich den Imperialisten vorbehalten sei, zu entscheiden, wer jeweils wo einzuordnen ist. Hier hat die Konterrevolution auf dem Felde der Ideologie ihre schlimmste Spur hinterlassen.

Das Karl-Marx-Denkmal
Das Karl-Marx-Denkmal

Wir sind also aufgerufen, mit unseren – gemessen an Marx – sehr bescheidenen Fähigkeiten in die Speichen des Rades zu greifen, um die drängenden Fragen der Gegenwart zu erhellen. Nur so können wir mitentscheiden, ob es sich um die untergehende oder die aufsteigende Sonne handelt. Das werden wir aber nur dann, wenn wir uns strikt im Rahmen des großen Plans bewegen, dessen Konturen die Begründer unserer Anschauung bereits im Vormärz mit kräftigen Linien umrissen. Diesen Plan, seine Bereicherung und Präzisierung durch theoretische Arbeit und lebendige Erfahrung von mehr als anderthalb Jahrhunderten zu erfassen, ist von größter Bedeutung. Marx zu ehren heißt selbstverständlich auch, Blumen auf seinem Grab oder an ihm gewidmeten Stelen niederzulegen. Vor allem aber ehren wir ihn und auch Lenin gleichermaßen, indem wir ihre Werke nicht nur lesen, sondern sie studieren und verstehen. Denn es verhält sich nun einmal so: „Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben Aussicht, ihre lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre steilen Pfade zu erklimmen.“ (36)


1) MEW. Ergänzungsband. Schriften bis 1844. Erster Teil, S. 594
2) MEW, 19/336
3) Enzyklika SPE SALVI von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen und an alle Christgläubigen über die christliche Hoffnung. Gegeben zu Rom, Sankt Peter, am 30. November, dem Fest des heiligen Apostels Andreas, im Jahr 2007, dem dritten des Pontifikats. Libreria Editrice Vaticana 2007
4) MEW, 1/378
5) MEW, 23/94
6) MEW, 20/295
7) Hebräer, 11. Kapitel, 1
8) Friedrich Schiller: Akademische Antrittsrede 1789.
Hrsg. von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena 1959, S. 32
9) MEW, 13/9. Vgl. auch: MEW, 37/436
10) MEW, 2/8
11) MEW, 2/135
12) MEW, 34/508 f.
13) MEW, 2/38
14) MEW, 3/6
15) Ebenda
16) MEW, 3/70
17) Vgl: MEW, 2/514, 519. – MEGA, II. I/1, S. 481 u. 533. – MEW, 27/449
18) MEW, 27/373
19) MEW, 42/42
20) MEGA, III/1, S. 516
21) MEW, 27/447
22) MEW, 30/509
23) MEW, 4/462
24) MEW, 4/471
25) MEW, 4/473
26) MEW, 29/225
27) MEW, 29/645
28) MEW, 29/535
29) MEW, 42/243
30) MEW, 42/642
31) MEW, 42/643
32) LW, 25/313
33) MEW, 42/43 ff.
34) Lenin: Briefe, IV/376
35) N. K. Krupskaja: Wie soll man den Leninismus studieren?
In: N. K. Krupskaja: Das ist Lenin, Berlin 1970, S. 468
36) MEW, 23/31