Reproduktion und Zirkulation
des gesellschaftlichen Gesamtkapitals

4.2.5
Das Geld als Weltgeld

Waren- und Geldzirkulation beschränken sicht nicht nur auf ein Land, sondern finden auch zwischen den Ländern statt. Daher übt das Geld auch seine Funktionen auf dem Weltmarkt aus. Es ist, so schreibt Marx, die Entwicklung des Marktes zum Weltmarkt, die das Geld zum Weltgeld entwickelt.120

Auch als Weltgeld ist seine Grundfunktion die Funktion als Maß der Werte. Tritt das Geld aus der inneren Zirkulationssphäre des Landes auf den Weltmarkt hinaus, dann streift es im allgemeinen seine nationale Form ab. Dann tritt es wieder in seiner ursprünglichen Gestalt als Gold nach Gewicht, Barrenform, auf. Die Funktion des Geldes als Weltgeld ist es, außer der des Wertmaßes, beim Ausgleich internationaler Zahlungsverpflichtungen zu dienen und als absolute Verkörperung des gesellschaftlichen Reichtums aufzutreten. Die Funktion des Weltgeldes als internationales Zahlungsmittel ist sehr entwickelt, denn die Weltmarktbeziehungen werden gewöhnlich auf dem Wege des Kredits vollzogen und durch den Ausgleich der Handels- und Zahlungsbilanzen geregelt. Eine Geldbewegung erfolgt nur dann, wenn sich ein Handels- oder Zahlungsdefizit ergibt. Das erfordert auch, daß jedes Land außer einem Reservefonds für den inneren Verkehr einen Reservefonds für die Außenhandelsbeziehungen haben muß. Diese Funktionen können erst im Zusammenhang mit der Darstellung des kapitalistischen Kreditsystems theoretisch umfassender erklärt werden.121

Die bisherige Analyse und Darstellung des Geldes und seiner Funktionen hat es mit den gesellschaftlichen Grundlagen und Formen zu tun, wie sie aus der Entstehung und Entwicklung der Warenproduktion hervorgingen. Mit dem Übergang der einfachen Warenproduktion zur kapitalistischen Warenproduktion verändern sich sowohl die gesellschaftlichen Grundlagen der Warenproduktion als auch die des Geldes und entwickeln sich dessen Funktionen und Formen.

Man kann deshalb aus dieser Analyse nicht unmittelbar die kapitalistischen Formen und Funktionen des Geldwesens ableiten. Dazu bedarf es erst einiger historischer und theoretischer Zwischenglieder, vor allem der Analyse der kapitalistischen Warenproduktion und ihrer Entwicklungsgesetze. Die Gegner des Marxismus machen es sich leicht, indem sie die Marxsche Analyse des Wesens und der Funktionen des Geldes unmittelbar mit dem entwickelten Kapitalismus konfrontieren und dabei unterschlagen, daß Marx selbst die Entwicklung und die Modifikationen der allgemeinen Gesetze der Warenproduktion und des Geldes unter kapitalistischen Bedingungen analysiert hat, aber zugleich nachweist, daß die kapitalistischen Formen nur verständlich sind, wenn die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten analysiert und begriffen wurden.

Aus den Darlegungen zu den Funktionen des Geldes ergeben sich nun insgesamt folgende Schlußfolgerungen über ihren sozialökonomischen Inhalt, die für das Verständnis der Ware-Geld-Beziehungen in der einfachen Warenproduktion große Bedeutung haben:

Marx erklärt nachdrücklich, alle Eigenschaften, die als besondere Eigenschaften des Geldes aufzuzählen sind, sind nichts anderes als Eigenschaften der Ware als Tauschwert.122 Aus diesem Grunde müssen die Funktionen des Geldes in ihrer Gesamtheit und Wechselwirkung als Funktionen der Realisierung dieser besonderen Eigenschaften des Geldes angesehen werden. Das bedeutet, daß jede dieser Geldfunktionen die bestehenden Produktionsverhältnisse, die Existenzbedingungen der einfachen Warenproduktion und ihren Grundwiderspruch zwischen privater und gesellschaftlicher Arbeit ausweitet. Darin besteht auch die historisch progressive Rolle der Funktionen des Geldes und ihr sozialökonomischer Inhalt.

Diese Funktionen des Geldes bewirken konkret die Ausdehnung des Wertverhältnisses (als Produktionsverhältnis gesellschaftlich bestimmter Beziehungen der Produzenten) im nationalen und internationalen Maßstab gegenüber den Produktionsverhältnissen persönlicher Knechtschaft und außerökonomischen Zwangs, die für die Feudalwirtschaft und die Naturalwirtschaft charakteristisch waren.

Mit dem Geld und seinen Funktionen wachsen aber auch die antagonistischen Widersprüche der einfachen Warenproduktion. Es verstärken sich ihre asozialen, die Existenz der einzelnen Warenproduzenten bedrohenden Charaktermerkmale, die durch die Wirkung des Wertgesetzes123 in Verbindung mit dem Grundwiderspruch der einfachen Warenproduktion immer krassere Formen annehmen: Je mehr sich die Arbeitsteilung entwickelt, je mehr jeder Produzent vom Tauschwert seiner Ware abhängig wird, desto mehr müssen sich die Geldverhältnisse entwickeln und die Widersprüche, die dem Geldverhältnis eigen sind.

Im gleichen Maß, wie gesellschaftliche Arbeitsteilung und gesellschaftlicher Inhalt der Produktion wachsen, erklärt Marx, wächst auch die Macht des Geldes und setzt sich der Austausch als eine den Produzenten gegenüber fremde und von ihnen unabhängige Macht fest.124

Die Ausdehnung der Funktionen des Geldes bewirkt daher vor allem, daß die allseitige Abhängigkeit der Produzenten vom Austausch wächst. Wie im Abschnitt über den Warenfetischismus gezeigt wird, bringt die Entwicklung der Widersprüche der einfachen Warenproduktion die oben erwähnte, „scheinbar transzendentale“ Macht des Geldes hervor. Umgekehrt wirkt das Geld mit seinen Funktionen als stärkster historischer Hebel zum Umschlag der Eigentumsgesetze der Warenproduktion in die Gesetze der kapitalistischen Aneignung. Das Kapital, betont Marx, erscheint historisch zuerst nur in der Form des Geldes.125