RotFuchs 234 – Juli 2017

Junge Frau im Sozialismus (Teil 4)

Christa Kožik

Nach der Abenteuerfahrt auf dem Frachtschiff nach Leningrad schrieb ich zügig die Filmerzählung und das Szenarium zum „Schneemann für Afrika“. Leider verschob sich der Drehbeginn wegen fehlender Valuten. Der Regisseur Rolf Losansky fuhr erst mal mit dem Kameramann Helmut Grewald auf einem DDR-Frachter nach Westafrika, um Meeresbilder, Häfen und Landschaften als „Schnittbilder“ zu drehen. Ich sollte mitfahren, aber ich wollte für so lange Zeit nicht meine lieben drei Männer allein lassen. Adrian und Sebastian gingen ja jetzt zur Schule, und ich saß noch mittendrin im Studium und schrieb auch noch Gedichte. Eines spiegelt das neue Lebensbild der Frauen. Hier ein Ausschnitt:

Frauenbild 

Nichts fehlt uns an Weiblichem,
sind wir behelmt und gestiefelt,
hemdsärmlig noch gleichen wir
unserem Urbild.

Unser Tag, das sind Blitze und Blumen
und die Augen nicht mehr die
schwankenden Kähne der Sehnsucht.
Abgeschubst mit dem Fuß.
Dieses Ufer ist sicher
und uns gewogen.

Wir sind dabei: spalten Atome,
ebnen Berge, besteigen Kräne.
Härter wird da die Hand, doch
zärtlich genug zu streicheln
die Kinder.

Am Schluß heißt es: „… schaukeln im Baum der Erkenntnis. Ungestraft flattert der kürzeste Rock.“ (aus meinem Gedichtband „Tausendunddritte Nacht“, Märkischer Verlag Wilhelmshorst). Trotz aller Anspannung fühlte ich mich auf dem richtigen Weg, mir ein geistiges Fundament fürs Schreiben zu schaffen. Hilfe bekam ich von vielen Seiten. Meine Mitstudentinnen Katharina Schubert und Karla Kochta schrieben für mich die Vorlesungen auf Kohlepapier mit, wenn die Kinder krank waren. Oder sie erzählten mir die Filme zu Ende, die ich früher verlassen mußte, um die Kinder vom Schulhort abzuholen. Oder wir lernten vor wichtigen Prüfungen bei mir zu Hause. Es war immer ein Gefühl der Hilfe und Solidarität, das mich umgab.

Christa Kožik

Unsere Hochschule, die einst nur auf reines Film-Studium ausgerichtet war, mußte sich mehr und mehr dem Fernsehen öffnen. Sie hatte national und inter­national einen guten Ruf. Studenten aus Vietnam, Kuba, Polen, Bulgarien, einigen afrikanischen Staaten oder auch aus westeuropäischen Ländern studierten Regie, Kamera oder Schauspiel u. a. Fächer.

In meinem Studienjahr waren 13 Studenten, die zu­meist von der Leipziger Theaterhochschule und der Humboldt-Universität Berlin kamen, um eine film­spezifische Ausbildung in Film- und Fernseh-Drama­turgie zu machen. Einer davon war Amir, ein Kurde. Unsere Dramaturgie-Ausbildung war ausgezeichnet. Von Aristoteles über Lessing, Schiller bis Stanislaw­ski und Brecht büffelten wir uns durch die Dramaturgie der Jahrhunderte, erlebten hochinteressante Vorlesungen und Filmanalysen von Spielfilmen bei Dr. Peter Wuss und von Dokumentarfilmen bei Rolf Liebmann. Filmgeschichte hatten wir bei Dr. Schneider, Ästhetik und Literaturtheorie bei Dr. Schmidt, Philosophie bei Dr. Eiselt. Besonders in Erinnerung bleibt mir Dr. Henne in seiner Originalität. Er lehrte das Fach Wissenschaftlicher Kommunismus. Das war nie langweilig, denn man lernte dialek­tisch denken und wurde „gelenkig“ im Kopf. Ich war bildungshungrig, und das „Durch­marxen“ und „Durchhegeln“ machte mir Spaß. Neben politischer Ökonomie hatten wir noch Russisch, Journalismus und medienspezifische Gestaltungsmittel.

Großartige Filme der Filmgeschichte und der Gegenwart ergänzten den Unterricht. Alle zwei Wochen hatten wir die „Aktuelle“. Das waren Filmvorführungen der neues­ten Filme aus Westeuropa, Osteuropa, USA und anderen Ländern. Wir waren also vertraut mit den Filmen von Visconti, Antonioni, Fellini, Bunuel, Forman, Pollock, Truffaut, Staudte, Fassbinder und Wenders. Auch gab es jährlich die „Tage des sowje­tischen Films“, die uns begeisterten. Das waren wahrhaftige und kritische Filme von Bondartschuk, Schukschin, Mitta, Romm, Tarkowski u. v. a. Für einige Zeit unterrich­tete auch Joris Ivens, der weltbekannte belgische Dokumentarfilmer, an der Schule.

Zwei Studentenclubs hatten wir auch. Die offizielle „Bratpfanne“ in der Bierstraße und den Geheimklub „Im Schrank“, der in der Spitzweggasse durch einen Schrank ohne Rückwand zu erreichen war. Leider konnte ich meine Studentenzeit nicht sehr ausleben, denn ich hatte ja schon „Familie“.

Einkauf in einer Volksbuchhandlung

Zwei Studentenclubs hatten wir auch. Die offizielle „Bratpfanne“ in der Bierstraße und den Geheimklub „Im Schrank“, der in der Spitzweggasse durch einen Schrank ohne Rückwand zu erreichen war. Leider konnte ich meine Studentenzeit nicht sehr ausleben, denn ich hatte ja schon „Familie“.

Unser Studentenleben war politisch im besten Sinne. Da wir schon in der Schule zu Frieden, Freundschaft und Solidarität angehalten waren, erlebte ich meine Studentenzeit auch in diesem Sinne. Unser Studien­jahr fuhr 1972 gemeinsam zur internationalen Doku­mentarfilmwoche nach Leipzig. Ich sehe uns alle um eine ausgebreitete vietnamesische Fahne vor dem Filmtheater Capitol stehen, um bei den Festivalgästen Geld für das kämpfende Volk in Vietnam zu sammeln. Als endlich im Frühjahr 1973 der ungerechte und grausame Krieg des Giganten USA gegen das kleine sozialistische Land Vietnam endete, war das für uns ein Freudenfest. Sicher hatten manche Studenten einen anderen Standpunkt zum Sozialismus, schließlich lagen die Ereignisse um den „Prager Frühling“ und das 11. Plenum 1965 in der DDR, das viele DEFA- Filme verboten hatte, nicht weit zurück.

Aber ich lebte in der Gegenwart und akzeptierte die führende Rolle der Arbeiterklasse im Sozialismus der DDR – die war mir näher als die verheuchelte Macht des Großka­pitals und der Kartelle, die von Freiheit sprach und mit Kriegen endete. Von meiner Herkunft her und dem, was meine Eltern im Faschismus erlitten hatten, fühlte ich mich als Teil des einfachen Volkes. Da brauchte ich nicht agitiert zu werden, da hatte ich mir mein eigenes Weltbild gemacht.

Den Sozialismus in der DDR wünschte ich mir weniger dogmatisch und weniger von der Sowjetunion abhängig, offener und vertrauensvoller. Und ich glaubte fest, daß wir Jüngeren eine Chance hatten, ihn zu reformieren.